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Juwel der burgundischen Kirchenbaukunst PDF Imprimer Email
MONDAY, 16 FEBRUARY 2004 01:58
Das Kloster Romainmôtier in der Waadt

NZZ, 30. August 2001

Nebelschleier schweben über dem glitzernden Wasser des Nozon, dahinter zeichnen sich die sanften Konturen des erwachenden Städtchens ab. Von einer Anhöhe aus betrachtet, gleicht die Abteikirche im Herzen Romainmôtiers einem honiggelb schimmernden Juwel, eingefasst von Wiesen und Buchenwäldern, wie sie für die südlichen Abhänge des Juras typisch sind. Auf den ersten Blick sieht die 400-Einwohner-Gemeinde im Waadtland auch heute noch so aus, wie sie der Basler Kupferstecher Matthäus Merian der Ältere im 17. Jahrhundert porträtiert hat. «Wiege des Christentums»

Der frommen Legende nach geht die Klostergründung auf die Wandermönche Romanus und Lupinus zurück. Sie sollen sich schon Mitte des 5. Jahrhunderts in der nur spärlich besiedelten Wildnis des abgelegenen Seitentales niedergelassen haben. Knapp ein Jahrhundert später wurdendie Mönche von Romainmôtier erstmals urkundlich erwähnt. Und damit darf die Waadtländer Gründung als früheste klösterliche Niederlassung auf dem Gebiet der heutigen Schweiz und als «Wiege des Christentums» betrachtet werden. Getreu der benediktinischen Regel «Ora et labora» schufen Mönche rund um ihr Kloster eine Kulturlandschaft, die sie selbst bewirtschafteten. Sie führten Ackerbau, Obstanbau und Viehhaltung ein, züchteten Karpfen und legten sich sogar einen eigenen Weinberg zu. Offenbar war das Klima im Nozon-Tal damals etwas milder als heute. Mönchen verdankt Romainmôtier auch die ausgedehnten Buchenwälder. Man hatte sie Nadelbäumen, die das Landschaftsbild bisweilen etwas düster wirken lassen, vorgezogen. Bis in das ferne Rom gelangte die Kunde vom segensreichen Wirken der Benediktiner-Gemeinschaft; Papst Stephan II., der am Weihnachtstag 753 die Klosterkirche weihte, stellte den Konvent unter den Schutz des Oberhirten. Und daher heisst die Gründung seither «Romanum monasterium». Sie fiel im 10. Jahrhundert an das grosse Cluny, mit dem die Gemeinschaft enge Verbindungen unterhielt.

Als Romainmôtiers dritte Kirche vollendet war, stand die mittelalterliche Welt an der Schwelle zum 2. Jahrtausend. Nach dem burgundischen Vorbild von Cluny II erhob sich im Zentrum des Konvents eine dreischiffige Basilika über einem lateinischen Kreuz, Petrus und Paulus geweiht. Nach burgundischer Manier deckte man das Dach mit glasierten Ziegeln, die Mönche aus dem gelben Ton des Umlandes fertigten. Mit dem verwandten Payerne zählt das Priorat von Romainmôtier, das Mitte des 15. Jahrhunderts in denRang einer Abtei erhoben wurde, zu den wichtigsten Baudenkmälern der burgundischen Epoche. Romainmôtiers Wandgemälde gehören zu den grossartigsten Leistungen, die Mönche hierzulande jemals hervorgebracht haben.

Umfangreiche Restauration

Vor neun Jahren begann die bisher umfangreichste Restauration dieses Baudenkmals vonnationaler Bedeutung. Rund 14 Millionen Franken wurden in die Arbeiten investiert, die in diesem Sommer völlig abgeschlossen wurden. Man konnte sie nicht länger hinauszögern, da die Dachkonstruktion des Kirchenschiffes einen gefährlich starken Druck auf die Gewölbe ausübte. Platten markieren jetzt den Platz des nicht mehr vorhandenen Kreuzgangs, dessen Grundmauern freigelegt und stabilisiert wurden. In der Mitte entsteht gegenwärtig ein Kräutergarten. Wie mächtig Romainmôtier einmal war, zeigt ein Blick auf die früheren Besitzverhältnisse: Adlige hatten nicht mit Schenkungen gegeizt; als das geistige Zentrum in seiner Hochblüte stand, reichte der Grundbesitz bis ins Elsass und in das benachbarte Frankreich hinein.

Mit der Reformation begann der Stern des Klosters zu verblassen. Auf ihren Eroberungszügen machte die aufstrebende Territorialmacht Bern auch vor der Abtei nicht Halt. Sie gliederten die Waadt als Untertanengebiet in ihren Herrschaftsbereich ein und hob das Kloster Romainmôtier um 1536 auf. Da stellte sich die Gemeinschaft auf die Seite der Herren von Freiburg, die dem alten Glauben treu geblieben waren. Doch auch dieser Schachzug sollte nicht viel nützen: Als Bern den Freiburgern einen Teil des Klosterbesitzes in Aussicht stellte, hielten sie sich vornehm zurück. Und so hatten die plünderndenEindringlinge freie Hand: Widerspenstige Mönche, die den neuen Glauben nicht annehmen wollten, wurden ausquartiert und vertrieben. Im Schnellverfahren ausgebildete Pastoren traten an ihre Stelle, von den 160 beschlagnahmten Pfarrhäusern des Waadtlandes wurden die meisten verkauft, da die Berner Kriegsherren Geld stets gut gebrauchen konnten. Um Romainmôtiers Einwohner nicht allzu stark zu verprellen, überliess man ihnen immerhin das alte Pfarrhaus.

Dann begann ein beispielloses Zerstörungswerk, dessen Spuren noch heute sichtbar sind. Berns Ikonoklasten zerschlugen den Kreuzgang und brachen etliche zum Klosterbezirk gehörende Gebäude ab, die als nutzlos eingestuft wurden. Ein einziges Gotteshaus, nämlich die zur reformierten Pfarrkirche degradierte Basilika, musste den Gläubigen genügen, und so riss man die andere Kirche kurzerhand ab, um Kosten für ihren Unterhalt einzusparen. Auf diese Weise gewann man Baumaterial für neue Häuser. Wenig zimperlich zeigten sich «Leurs Excellences de Bern» im Umgang mit den Symbolen des alten Glaubens: Altäre und Heiligenstatuen wurden zerstört, wie ein Wunder blieb das im 8. Jahrhundert verfertigte Ambo, wie das Predigtpodium mit einem in Zopfmuster gehauenen Kreuz genannt wird, unangetastet. Sodann liessen sie die Wandgemälde mit weisser Farbe übertünchen. Die im 15. Jahrhundert geschaffene Beweinungsgruppe, die sitzende Maria im Strahlenkranz, Petrus und Paulus, Evas Erschaffung, die Vogelpredigt des heiligen Franziskus und schliesslich das Jüngste Gericht blieben den Kirchenbesuchern jahrhundertelang vorenthalten.

Mehr als die frühesten Zeugnisse der Malkunst, darunter Reste eines mit roten Doppellinien nachgeahmten Quadermusters und Teppichmuster mit Tierfiguren, wollten die neuen Herren den Gläubigen nicht zumuten. Unfreiwillig haben die Berner dazu beigetragen, dass Romainmôtiers Wandgemälde, deren Schöpfer eine grosse Zahl verschiedener Vorlagen benützt hatten, zur Freude des Denkmalschutzes bestens bewahrt wurden. Im stattlichen Gebäude des vertriebenen Priors fand der Berner Vogt eine angemessene Residenz. Dann verwandelten die praktisch veranlagten Stadtherren den Narthex (Vorhalle) mit der darüber eingebauten Michaelskapelle in Kornspeicher für den Zehnten, den die Einwohner abliefern mussten. Gebäude, die Getreidefuhrwerkeauf ihrem Weg zum Speicher behinderten, wurden ebenfalls abgerissen. Später benützte man auch die «Maison des moines» als Getreidelager. Bald war das einst blühende Kloster nicht mehr als ein Schatten seiner selbst.

Ende der Berner Herrschaft

Als die Französische Revolution ausbrach, kündigte sich das Ende der Berner Herrlichkeit an.Während Jean-Rodolphe Rochaz, letzter Adjutant der «Gnädigen Herren», in seinem Wohnhaus adlige Flüchtlinge aus Frankreich beherbergte, rief Bürger Pierre-Maurice Glayre in seinem benachbarten Haus die Revolution aus. Berns Statthalter erkannte die Zeichen der Zeit und gab schweren Herzens die Residenz auf. Sogleich trugen die Revolutionäre das hölzerne Berner Wappen aus dem Schloss, das weithin sichtbare Bärengemälde an der Ostfassade liess man indessen unangetastet, man konnte ja nie wissen, ob die Berner nicht nochmals auftauchten. Schon wesentlich mutiger tauften die Revolutionäre das traditionsreiche «Hotel de l'Ours» in «Etoile Blanche» um und erinnerten damit an das Symbol ihrer Bewegung, die einen weissen Stern gewählt hatte.

Rund tausend Einwohner zählte Romainmôtier damals. Dass während der Berner Herrschaft vor allem das Bildungswesen verbessert wurde, hat man ihr trotz ihrer Bilderstürmerei nicht vergessen. Auf dieser Grundlage entstanden im 19. Jahrhundert Fabriken und Werkstätten: Alles, was die Gemeinde benötigt, konnte selbst hergestellt werden. Alte Schmieden dienten alsMaschinenwerkstätten, wo selbst Dampfmaschinen entstanden. Eine Fabrik stellte Ziegel her,eine andere belieferte die blühende Uhrenindustrie des Juragebietes mit Ritzeln, und selbst einKleinkraftwerk nahm am Ufer des Nozon den Betrieb auf. Mönche gab es zwar keine mehr, dafürerwirtschafteten die Bürger im Geist der benediktinischen Gemeinschaft einen soliden Reichtum, «der ihnen ein gediegenes Leben garantierte», versichert der versierte Lokalhistoriker Jacques- Henri Bichsel, der bis zu seiner Pensionierung als Agraringenieur gearbeitet hat. Nach und nach verkaufte der neue Kanton Waadtland die übrig gebliebenen Klostergebäude, die vor allem Bauern als Viehställe oder Scheunen verwendeten. Damals nahm die Bedeutung der Landwirtschaft deutlich zu.

Allmählich erwachte das öffentliche Interesse an der ehemaligen Abteikirche, die seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in den Ersten Weltkrieg hinein sorgfältig restauriert wurde. Denkmalschutz-Experten bescheinigen den Arbeiten der Restaurateure, die dem Gotteshaus sein mittelalterliches Erscheinungsbild zurückgaben, hohe Qualität, die bei der zweiten Restauration deutlich hervorgehoben wurde. Rund um das romanische Schmuckstück, das seit dem 11. Jahrhundert stets als Ortder Einkehr und Andacht gedient hatte, verdüsterte sich indessen die ökonomische Lage seitEnde des Zweiten Weltkriegs zunehmend. Erzeugnisse aus der städtischen Produktion konnten nicht mehr weiter gegen die billigeren Produkte der Grossindustrie bestehen, und so wurden Romainmôtiers Werkstätten peu à peu geschlossen.

Allmählich fiel die Gemeinde, die bald nur noch 300 Einwohner zählte, in einen Dämmerschlaf. Als die Solothurner Journalistin und Schriftstellerin Katharina von Arx den Ort 1960 aufsuchte, lebten dort kaum noch junge Leute. Da die Kaufkraft gesunken war, verlor Romainmôtier ein Geschäft nach dem anderen: «Es war still geworden im Städtchen», erinnert sich Katharina von Arx, die sich mit ihrem Mann dort dennoch ihren sehnlichsten Wunsch erfüllte und das alte Priorhaus erwarb.

Erwachen aus dem Dämmerschlaf

Im Laufe der Jahrhunderte bis zur Unkenntlichkeit umgebaut und nicht mehr instand gehalten, hatte das Bernerschloss im Besitz der Nachbargemeinde Juriens bis dahin nie Käufer anziehen können. Von den Eingesessenen üblicherweise «Ruine» oder «Baracke» genannt, wurdedas Baudenkmal in den vergangenen vier Jahrzehnten mit Eigenmitteln, Bundesbeiträgen und Zuwendungen einer eigens ins Leben gerufenen Stiftung gründlich saniert. Besonders Wandmalereien mit Szenen aus dem Alten Testament - sie waren bei Aufräumarbeiten entdeckt worden - haben den Bund veranlasst, das Priorhaus auf die Liste der Baudenkmäler von nationaler Bedeutung zu setzen. Einkünfte aus einem Tea-Room im Erdgeschoss und die Vermietung der prächtig wiederhergestellten und mit Cheminées versehenen Säle, in denen es sich früher Prioren und Vögte gut gehen liessen, tragen heute zum Erhalt des abenteuerlich verschachtelten Gebäudekomplexes bei.

Unterdessen hat sich die Einwohnerzahl auf knapp über 400 erhöht. Es gibt nicht nur Schule, Postamt, Bank, zwei Lebensmittelgeschäfte und zwei kleine Hotels, sondern auch mittelständische Betriebe, die jüngeren Einwohnern eine Zukunftsperspektive sichern. Romainmôtier ist nun ein beliebtes Ziel für Schulklassen, die man im Sommermit Zeichenutensilien vor den Baudenkmälern beobachten kann. Mit ihrem Kulturprozent hat die Migros 1993 ein Seitengebäude des Priorhauses in ein Kulturzentrum für Kunstschaffende aus aller Welt umgewandelt. Neben einem Schlafsaal hat man dort zwei Einzelzimmer und eine Küche eingerichtet. Kunst und Kultur sind deutlicher denn je im Stadtbild vertreten. Kunsthandwerker verfertigen Töpferwaren, die in Galerien angeboten werden. Und Etienne Kraehenbuehl besitzt als Bildhauer inzwischen in der ganzen Region einen guten Ruf: Wer seine Kunstwerke aus massiven Metallteilen bewundern will, muss sich allerdings nach Yverdon oder Lausanne begeben.

Aber auch als Zentrum der überkonfessionellen Zusammenkunft hat sich Romainmôtier einen Namen gemacht. Bis 1998 empfahl sich die Gemeinde, in der sich 22 Prozent der Bewohner zum Katholizismus bekennen, als Ort der Ökumene. Dieses Verdienst kommt dem früheren Pastor Tuscher zu: Er konnte vor über einem Vierteljahrhundert katholische und evangelische Schwesternin Romainmôtier zusammenführen. Vor drei Jahren seien die katholischen Schwestern in ihr Kloster zurückberufen worden, meint bedauernd Pastor Paul-Emile Schwitzguébel. Diese Tradition wiederzubeleben, betrachtet der Pastor jetzt als vorrangige Aufgabe.

Thomas Veser

 

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